Veröffentlichung: 01. Mai 2026
In gewisser Maßen ging es für mich nach Augen zu & durch nahtlos weiter, diesmal hatte ich nicht das Gefühl, alles schon gesagt zu haben. Kurz nach dem Release wurde Lorenz A. von der Polizei in „Notwehr“ mit vier Schüssen in den Rücken getötet – nicht ohne rassistische Komponente. Ebenfalls im April wurde das Leben von Sara Millerey González – einer jungen trans* Frau in Kolumbien – gewaltvoll & bestialisch geraubt, die Tat wurde mitgefilmt & sadistisch wie voyeuristisch im Internet verbreitet. Die ersten beiden Songs für das Album sind also geprägt von ohnmächtiger Wut, von einer riesen Scheißwut um genau zu sein. Und von Angst. Im Frühsommer 2025 hatte ich zum ersten Mal seit Langem konkret Sorge, aus queerfeindlichen Motiven heraus angegriffen zu werden – wurde doch erst ein Freund von mir attackiert, wurden doch die Beschimpfungen & Angriffe auf CSDs häufiger & krasser.
Im Angesicht dessen, was Anfang 2025 mit Trumps Wiederwahl und Merz‘ Kanzlerschaft begann und sich im Laufe des Jahres mit staatlich organisierten, faschistischen Schlägerbanden, queer– und armenfeindlicher Spaltungspolitik intensivierte, im Angesicht alter & neuer Kriege und andauernder Katastrophen wollte ich thematisch aber nicht nur bei Angst & Wut bleiben. Denn ich habe auch Hoffnung: ich war im Sommer auf vielen CSDs, und wir waren immer deutlich mehr, deutlich lauter & kämpferischer als die paar Nazis, die zu ihren hasserfüllten, aber zahnlosen Gegendemos geschlurft sind. Gegen die Montagsdemos des rechtsextremen „Team Menschenrechte“ führen in Nürnberg – trotz überbordender Repression – jede Woche hunderte Antifaschist*innen Blockaden & Aktionen durch. Im Oktober bin ich von Nürnberg nach Halle (Saale) gezogen – also in den „Osten“. Und auch hier gibt es viele stabile Leute, die wichtige politische Arbeit leisten. Die sich nicht von der ganzen Scheiße & den bedrohlichen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt unterkriegen lassen. Die bunt & sichtbar sind – als Queers, als Punks, als „Antifa“. Gegen ICE schließen sich Bürger*innen in Minneapolis, aber auch woanders, solidarisch zusammen, und lassen sich auch von Tötungen an Demonstrant*innen nicht abhalten. Sogar Die Partei die Linke macht mir teils ein Bisschen Hoffnung (wenn sie sich nicht gerade von Nahostkonflikten zerfleischen lässt). Aber Hoffnung alleine bringt wenig, es braucht auch Taten.
Und so ist „Von Angst & Wut, Hoffnung & Tat“ mein bisher direktestes, unmittelbarstes und in gewisser Weise auch angriffslustigstes Album geworden. Selbstverständlich gibt es auch jede Menge Platz für Introspektion, für Selbstzweifel und Widersprüche – ich wage zu behaupten, meine Musik wird nie ein Machwerk der einfachen Antworten sein. Aber 2026 ist meiner Meinung nach nicht das Jahr für verkopfte Metaerzählungen, für abstrakte Szenekritik oder spaceigen Eskapismus. 2026 muss ein Jahr des Antifaschismus werden, in dem Angst & Wut nicht zu Ohnmacht & Resignation führt, sondern in Hoffnung & Tat verwandelt wird.
Die Musik spiegelt diesen direkteren Approach ebenfalls, führt dabei konsequent den Sound weiter, der schon Augen zu & durch geprägt hat: die Beats bleiben heftig & tanzbar, die Gitarren sind noch präsenter & noch häufiger tiefgestimmt, der Gesang kippt häufiger in’s Schreien, und mit durchschnittlich 156 BPM ist „Von Angst & Wut, Hoffnung & Tat“ mein bisher schnellstes Release. Wie beim Vorgänger wurden alle Sounds mit den Drumcomputern Sonic Potions x Erica Synths LXR-02 & Moog DFAM, und den melodiöseren Synthesizern UNO Synth Pro Desktop & Novation Bass Station II erzeugt. Und weil Basslines so viel Spaß machen, ist gegen Ende des Schaffensprozesses noch die Bassline DB-01 hinzugekommen, erneut von Erica Synths. Reaper war erneut die DAW meines Vertrauens. Mit dem Geige spielen kam ich leider nicht so voran, dennoch finden sich auf ein paar Tracks ein paar Violinensprenkel. Nun hab ich endlich ein eigenes Instrument, also vielleicht wird zukünftige ph4nt. Veröffentlichungen geigenlastiger ausfallen – who knows?
Ebenfalls wenig Neuerungen gibt’s beim Vertrieb: Auch mein neuntes Album erscheint unter creative commons Lizenz, ihr könnt die Musik also nicht nur anhören, sondern auch kostenlos herunterladen, weiterverbreiten, verwenden und verändern (#remix) wie es euch beliebt. Basti, mein langjähriger Unterstützer & Labelchef von Nasse Records, bringt das Album auch diesmal als tolles DIY-Tape in die physische Welt.
In diesem Sinne: Viel Spaß ab 1. Mai mit den 12 Songs auf Album Nummer 9!
