Augen zu & durch


In den Jahren zwischen meinem letzten Album & diesem hier, fiel es mir wirklich schwer, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Die AfD wird immer mächtiger, rechtsextreme Standpunkte immer sagbarer, rechtsextremes Handlen immer machbarer. In den USA etablieren Donald Trump & seine Entourage von Klimaleugner*innen & Tech-Bros eine faschistische Dystopie, wie sie langsam aber sicher jeder Cyberpunkgeschichte spottet. Den Menschen ist es gefühlt immer egaler, welche Infos auf Fakten basieren und was völlig frei erfunden ist. Verschwörungstheorien, die vor ein paar Jahren noch als völlig abstrus galten, werden heute als legitime Narrative hingenommen. Bisher hatte ich keine bis wenig Angst um meine körperliche Unversehrtheit, um die Anerkennung meiner geschlechtlichen Identität oder um die Versorgung mit HIV-Medikamenten. Das hat sich nun leider doch ein Wenig geändert.

Auch hatte ich im Vorfeld dieses Album das Gefühl, schon alles gesagt zu haben. Klar, Musik mach ich immer weiter, aber ich hab in den letzten 5 Jahren 104 Songs geschrieben, mich in 2 Konzeptalben mit der Klimakatastrophe beschäftigt und in einem mit dem Scheitern und dem Verzweifeln an der eigenen Bubble. Ich wusste nicht, was ich sagen soll außer „Nazis sind scheiße“ und fühlte mich lange gelähmt – persönlich wie künstlerisch. Irgendwann um Trumps Wiederwahl und nach Begegnungen mit Fascho-Apologet*innen an Badeseen ist mit Dunkel & Kollaps dieser Knoten geplatzt. Ich hab einfach über meinen Frust auf mich selbst begonnen, in so beschissenen Zeiten nicht zu wissen was ich machen soll – nicht zu wissen, was ich wem entgegnen, ob ich Streiten oder die Fresse halten, ob ich Zurückpöbeln oder die Wut in mich hineinfressen soll. Ob ich aus meiner Lohnarbeit ausbrechen und endlich auf die Straße gehen soll, statt sich Montag Abend nicht den Faschist*innen in den Weg zu stellen weil morgen der Wecker klingelt und mensch eigentlich eh am Out-Burnen ist.

Ich will mich aber nicht in Fatalismus verlieren, ganz im Gegenteil – Augen zu & durch ist voller Kampfansagen – gegen den Faschismus, Rassist*innen, gegen Nationalismus, Kapitalismus, gegen TERFs und andere Queer-Feind*innen, gegen Nihilismus und die ewige Überforderung. Ähnlich wie mein zweites Album ist es damit ein lautes, wütendes Machwerk des Dagegen-Seins, das auch Raum für Zweifel und das Scheitern lässt.

Musikalisch floss in die 14 Tracks viel Industrial & besonders viel Punk ein – fast jeder Song ist mit mal mehr, mal weniger riffwandigen Gitarren verziert, fast jeder wird von punchenden Beats vorangetrieben. Ergänzt wird das auf ein paar Tracks von einer Violine, da ich in der ersten Jahreshälfte das Glück hatte, tauschlogikfrei Unterricht von einer Freundin zu bekommen. Die Synths blieben gemessen an 2047 größtenteils gleich – an den Drums: Sonic Potions x Erica Synths LXR-02 & Moog DFAM, für Melodien UNO Synth Pro Desktop und für giftige Basslines neu die Novation Bass Station II. Für’s Schneiden, Editieren, Mixen & Mastern bin ich auf die DAW Reaper gewechselt, nach einer Empfehlung von Konst Fischer, der mir als Tutor in Punkto Musikproduktion geholfen hat. Das erklärt denke ich den nochmal fetteren Sound.

Wie immer erscheint Augen zu & durch unter einer creative commons Lizenz, heißt ihr könnt die Musik anhören, kostenlos herunterladen, weiterverbreiten, verwenden und verändern (#remix) wie es euch beliebt. Basti, mein langjähriger Unterstützer & Labelchef von Nasse Records, bringt das Album auch diesmal als tolles DIY-Tape in die physische Welt.

Also: verschließt bitte nicht die Augen & duckt euch weg, sondern stellt euch der ganzen Scheiße so gut ihr könnt entgegen! Wenn dieses Album oder auch meine Liveauftritte euch dabei helfen können, bin ich echt happy. Viel Spaß mit Augen zu & durch